Interview

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Jazz und Psalmen im Dialog

Seelendurchdringend – mystisch – echt: Uralte Psalmgebete werden in der Jazz-Vesper im Wechsel gelesen und anschliessend von modernem Jazz interpretiert. John Voirol hat dazu fünf Kompositionen geschrieben, die zur Uraufführung kommen – im Zusammenspiel mit der Sängerin Franziska Brücker und dem Posaunisten Jonas Beck. Kirche im Dialog und vier Pfarreien laden dazu ein.

Die Jazz-Vespern mit John Voirol in Bern hat André Flury von Kirche im Dialog ins Leben gerufen und konzipiert. Er besuchte die Jazzmusiker*innen bei ihrer ersten Probe und befragte sie zu diesem besonderen Projekt:

Jazz ist ein weiter Begriff – John, was für Jazz erwartet uns an den Jazz-Vespern? 
John Voirol: Jazz, der inspiriert ist von Gregorianik bis zu zeitgenössischen Klängen. Melodiöser, rhythmischer, archaischer, melancholischer, komponierter und improvisierter Jazz. Kurz: lebendige, tiefgründige Musik, die zu den Psalmtexten passt. Ich nenne das spirituellen Jazz, weil er im direkten Zusammenhang steht zu den Texten und Stimmungen, die ich aus den Texten lese.

Und was fasziniert euch am Jazz überhaupt? 
Jonas Beck: Für mich beinhaltet Jazz alles, was Musik ausmacht: Emotionen, Freiheit, Kommunikation, Groove, Spannung, Überraschung und Faszination. 
John Voirol: Jazz ist die Musik der Improvisation, des Spielens aus dem Moment heraus, spontan und deshalb echt.

Ist die Stimme das echteste aller Instrumente? 
Franziska Brücker: Eigentlich ist mein Körper mein Instrument und die Stimme die Ausdrucksform, die hörbar macht, was längst verarbeitet ist. Das heisst, dass in meinem Alltag sehr viel Körperarbeit passiert: Feldenkrais, Meditation, Yoga und natürlich Stimmbildung.

Das ist spannend, spielen doch Körpererfahrungen auch in den Psalmen eine wichtige Rolle: Da wird mit «Leib und Seele» existenz iell nach Sinn gesucht, gebetet, geschrien … Was bedeuten euch die rund 2500 Jahre alten Psalmen? 
Jonas Beck: Psalmen sprechen für mich, obwohl es alte Texte sind, sehr aktuelle Themen auf kritische Weise an, sie hinterfragen auch vieles. Ich finde, sie regen sehr zum Nachdenken an. 
John Voirol: Psalmen sind Erkenntnis. Erkenntnis über den Menschen. Da sich die Menschen über all die Jahrhunderte, seit die Psalmen geschrieben wurden, nicht wirklich verändert haben, sind die Psalmtexte heute genau so aktuell wie damals. Eine lohnenswerte Literatur.

Als Jazzerin singst du, Franziska, normalerweise im Moods, an Festivals, in Bars – da ist es etwas Besonderes, in Kirchen zu spielen, oder? 
Franziska Brücker: Ich mag es, wenn Räume eine ganz konkrete Bestimmung haben. Natürlich kann der Anlass, eine Kirche zu besuchen, sehr unterschiedlich sein. Trotzdem bleibt für mich die Grundstimmung: Es ist ein Ort, wo Dinge sich setzen können. Ich mag es auch, dass es in Kirchen Raum im Überfluss gibt, Raum zum Abladen und in Relation zu kommen. Um Raum und Relation geht es wesentlich auch im Gregorianischen Gesang.

John, du beschäftigst dich schon Jahrzehnte damit. Was bedeutet dir die Gregorianik?
John Voirol: Der Gregorianische Choral ist eine grosse Energiequelle, er ist Ausdruck der Unendlichkeit des Universums. Diese Musik beeindruckt mich durch Ruhe, Tiefe und Schlichtheit. Zudem liegt die Essenz jeden musikalischen Ausdrucks in diesen Gesängen: freier Rhythmus, der atmet, Dynamik – und die modale Harmonik, die mir besonders am Herzen liegt.

Da dürfen wir gespannt sein, was uns an Kreativität und Dynamik erwartet – ich freue mich darauf. Vielen Dank für das Interview und gute Probe!

Interview: André Flury